EPSTEIN-BARR-VIRUS: Heidelberger Forschung entschlüsselt gefährlichen Wandertrieb infizierter Immunzellen.

Das Epstein-Barr-Virus, ein Herpesvirus, infiziert weltweit mehr als 90 % der Menschen. Während die Infektion bei den meisten harmlos verläuft, verursacht es bei einigen Personen schwere Erkrankungen in Verbindung mit Autoimmunprozessen.

EBV Virus
Dr. Susanne Delecluse

Heidelberg, Mai 2025 – Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), der Universität Heidelberg und des Nierenzentrums Heidelberg, Nephrologische Klinik, Medizinische Klinik X am Universitätsklinikum Heidelberg, hat einen neuen Mechanismus entdeckt, mit dem das Epstein-Barr-Virus (EBV) menschliche Immunzellen manipuliert und zur Migration in empfindliche Körperregionen antreibt. Die Erkenntnisse könnten erklären, warum EBV an der Entstehung von Krebs und Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose (MS) beteiligt ist – und weisen erstmals gezielte therapeutische Angriffspunkte zur Blockade dieser Prozesse auf.

Das Epstein-Barr-Virus, ein Herpesvirus, infiziert weltweit mehr als 90 % der Menschen. Während die Infektion häufig harmlos bleibt, verursacht EBV auch das Pfeiffersche Drüsenfieber und steht mit schweren Erkrankungen wie Lymphomen und Autoimmunprozessen in Verbindung. Die genauen Mechanismen waren bislang nicht vollständig verstanden.

In der aktuellen Studie, veröffentlicht im Fachjournal Nature Communications, zeigen die Forscherinnen und Forscher: EBV verwandelt infizierte B-Zellen in aktive, wandernde Zellen, die sich gezielt durch den Körper bewegen und dabei sogar natürliche Schutzbarrieren wie die Blut-Hirn-Schranke überwinden.

Zentral für diesen Prozess sind der Lockstoff CCL4 und sein Rezeptor CCR1, deren Produktion durch das virale Protein LMP1 aktiviert wird. Die B-Zellen erzeugen dadurch einen autokrinen Mechanismus – sie folgen ihrem eigenen Signal und beginnen eigenständig zu wandern. Diese Fähigkeit zur Migration wurde sowohl in Zellmodellen als auch in Tiermodellen bestätigt und zeigte eine direkte Verknüpfung mit dem Überleben und Wachstum der Zellen.

Gesteuert wird die Migration durch die Focal Adhesion Kinase 2 (FAK2). Wird dieses Enzym medikamentös gehemmt, beispielsweise mit dem Wirkstoff Defactinib, verlieren die Zellen ihre Wanderfähigkeit und sterben ab. In einem Mausmodell konnte so erfolgreich die Ausbreitung der infizierten Zellen verhindert werden.

Weiterhin wurde entdeckt, dass EBV-infizierte Zellen über das Zytokin IL-10 andere B-Zellen anlocken, darunter solche, die mit Autoimmunerkrankungen assoziiert sind. Die Infektion fördert zudem eine erhöhte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke, was insbesondere neurologische Erkrankungen begünstigen könnte.

„Diese Ergebnisse zeigen klar, dass EBV aktiv das Verhalten der Immunzellen verändert, was weitreichende Folgen für den gesamten Organismus haben kann. Unser Ziel ist es nun, therapeutische Strategien zu entwickeln, die gezielt diese Virus-induzierten Zellwanderungen blockieren“, sagt Dr. Susanne Delecluse, Oberärtztin und Leiterin der Kooperationsgruppe Nierenzentrum, Nephrologiesche Klinik, Medizin X. / UKHD/DKFZ

Die Studie entstand aus einer Kooperation zwischen dem DKFZ Heidelberg, dem Universitätsklinikum Heidelberg, dem Inserm-Forschungszentrum Lyon und dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF). Gefördert wurde sie unter anderem durch die EU-Initiative BEHIND-MS.

Publikation:
Nature Communications, Mai 2025
Titel: Epstein–Barr virus induces aberrant B cell migration and diapedesis via FAK-dependent chemotaxis pathways

DOI: 10.1038/s41467-025-59813-z

Kontakt:
Dr. Henri-Jacques Delecluse
Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg
E-Mail: h.delecluse@dkfz.de